Die Handsatzwerkstatt Fliegenkopf

Wie es dazu kam

Eigentlich fing die Idee der Handsatzwerkstatt Fliegenkopf mit einem Ende an – mit dem Ende der Ausstellung „Drei Drucker aus Irland - Plakate aus der irischen Provinz“ zu sehen 1976 in der „Neuen Sammlung“ in München. Das besondere dieser Ausstellung war die „Plakatwerkstatt“, die wochenlang jedem die Möglichkeit bot, mit großen Lettern eigene Texte zu gestalten und zu drucken. Die faszinierenden Ergebnisse wurden in der Ausstellung gezeigt. Der Gedanke an eine eigene Werkstatt lies mich danach nicht mehr los.


Gut Ding will Weile haben

In Fachzeitschriften schaltete ich Suchanzeigen für Holzschriften. Es war die Zeit der großen Umstellung in den Druckereien vom Bleisatz zum Fotosatz. Die ersten Setzkästen hingen schon in den Wohnzimmern an den Wänden und waren gefüllt mit allerlei Sammelsurium. Ich sammelte was ich irgendwie lagern konnte, hatte viele Holzlettern, eine kleine Abziehpresse und etwas Bleisatz aber keinen Raum. So verschob ich diese Idee auf „später“.
1989 erzählte ich Marcia Schiffl von meiner Sammlung. Sie war von meiner Idee so begeistert, dass wir uns entschlossen, gleich und gemeinsam eine Projektwerkstatt zu beginnen.


Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.


(Victor Hugo)

Wir gaben der Idee den Namen „Fliegenkopf“ – ein Fachausdruck aus der Bleisatzzeit. „Fliegenkopf“ steht in der Setzersprache für eine Letter, die auf dem Kopf steht und so stand auch unsere Idee, das alte Handwerk zu pflegen und wieder zu beleben, zur Realität in den Druckereien ziemlich auf dem Kopf.

Der kleine „Fliegenkopf“ und seine Idee fand offene Ohren bei unserem gemeinsamen früheren Arbeitgeber, Herrn Albert Schottenheim und so konnten wir am 22. November 1989 ein Domizil im Keller der ehemaligen Druckerei Schottenheim KG beziehen, wo noch der Geruch der Druckerschwärze in der Luft lag.

Am Wochenende vor Weihnachten 1989 fand der erste (vollbelegte) Kurs mit dem Titel „Fliegende Blätter“ statt. Im März 1990 stellten wir die Werkstatt der Öffenlichkeit vor mit einer wunderschönen Buchkunst-Präsentation durch Wibke und Stephan Bartkowiak aus Hamburg.

550 Jahre nach Gutenberg! Der Bleisatz wurde abgelöst durch den Fotosatz und dieser wieder gänzlich verdrängt durch den Computer. Schrift zu setzen ist heute für jedermann möglich – um so erstaunlicher ist, daß die langsame Technik des Handsatzes auf neue Art immer noch lebendig bleibt.


Die Werkstatt heute

Die Werkstatt „beherbergt“ neben den gesammelten Holzschriften viele Rest-Bestände aus verschiedenen Druckereien oder von Flohmärkten.

Aus diesem Fundus eine kleine aber intakte Satzwerkstatt zu machen war das erstrebte Ziel. Jeder Setzkasten mit seinen 124 kleinen unterteilten Fächern musste vom Staub der Jahre befreit werden. Die Steckschriften (größere Grade), das Blindmaterial, die Linien, die Klischees, die Abziehpressen und vieles mehr mussten sortiert, geputzt und zugeordnet werden. Die verrosteten Abziehpressen, die nicht mehr funktionierenden Winkelhaken, das Aufstellen von Papierregalen, das alles ist heute längst vergessen. Die Aufbauarbeit der Werkstatt, so wie sie heute zu sehen ist, war überhaupt nur möglich durch die ausdauernde Mitarbeit vieler freiwilliger Helfer.

Ein richtiger „Glücksfall“ für die Werkstatt aber war Jürgen Richter, ein gelernter Setzer im Ruhestand, der jede Woche einen ganzen Tag seiner Zeit der Werkstatt zur Verfügung stellt.

In den Jahren 2008 bis 2011 wurde der gesamte Schriftenbestand der Werkstatt – insgesamt 170 Blei – und Holzschriften – durch Studenten der Designschule München und weiteren Schriftliebhabern aufgenommen und in zwei Schriftmusterbänden katalogisiert.


Christa Schwarztrauber

Im elterlichen Druckereibetrieb in Mußbach/Weinstraße wurde Christa Schwarztrauber von 1955 bis 1958 zur Schriftsetzerin ausgebildet und machte nach einigen Berufsjahren 1966 die Prüfung zur Schriftsetzermeisterin in München.
1989 war das Gründungsjahr der „Handsatzwerkstatt Fliegenkopf“, in dem seither leidenschaftlich gearbeitet wird. Hier entstehen Handpressendrucke, Karten, TypoGrafiken, Mappenwerke, Leporellos, Einblatt-Drucke und Buchkunst in Kooperation mit verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern im Bereich Illustration in kleinen, oft limitierten Auflagen.